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Unterwegs nach Pro-Life

 

Die Bilder aus der "Pro-Life" Serie sind grell, gewalttätig und bunt. So könnte man auf den ersten Blick meinen. Sie stürzen den Betrachter in ein großstädtisches Chaos, in deutsche Wirklichkeiten und eine Welt institutionalisierter Grausamkeit und gleichzeitiger Erstarrung. Zur Zeit der Entstehung stand die Welt unter dem Eindruck der durch "Nine-Eleven" herbeigeführten Kriege von Afghanistan bis Irak. Kriege, die zu einem Flächenbrand weiterer Kriege im nahen Osten führen würden, wie wir jetzt wissen. Flucht und Vertreibung, Rüstung und Militär, Reich gegen Arm, und mittendrin die Familie, der Mensch, Kinder.

Der Titel "Unterwegs nach Pro-Life" war als bewusste, poetische Gratwanderung gewählt, ganz in der Tradition provokanter Filmtitel wie "Faustrecht der Freiheit" von Fassbinder, der sich bereits auf "Faustrecht der Prärie", einen Spaghetti-Western bezog. Der Begriff "Pro-Life" führte zu einigen Irritationen, deswegen hier nochmal eine nachgereichte Bedeutungsklärung: "Unterwegs nach Pro-Life" bedeutet soviel wie "Unterwegs in den Faschismus" und war nicht als Verherrlichung der amerikansichen Abtreibungsbewegung gleichen Namens gewählt, sondern als poetische Warnung.

"Unterwegs nach Pro-Life" kombiniert die Intimität des geschützten Familienlebens mit der hereinbrechenden Wirklichkeit der Welt.

 

 

Die Frau im Jasmin, 2003, 190 x 150 cm, Öl auf Leinwand

 

The cycle Unterwegs nach Pro-Life, which he exhibited in Milan in 2004, connected the emergence of the figure with the fragility of life, which exists as an idea in these paintings. They show scenes which, while remaining unclear in places, are nonetheless always recognizable in their entirety. Most of them relate to books and films, or to real places and real lives.

In feverishly overheated colours many of the paintings suggest accidents, catastrophes, or ominous scenes: Die Frau im Jasmin (The Lady in Jasmine) portrays the start of a threatening encounter in a park; Amok, goldene Stadt (Amok, Golden City) references explosions and collisions in fragmented urban architecture. The figures in the paintings frequently remain faceless, often seem irritated, and are always set out in indifferent or even forbidding surroundings. An undertone of desolation, emptiness and indifference oscillates within the pictorial language that Unterwegs nach Pro-Life constructs in colouration containing surprising contrasts. Thereby, however, the clarity of the idea also brings a latent risk to the painting: Even though the cycle’s scenes remain ambiguous, the paintings repeatedly approach a pre-existing meaning that magnetizes the interplay of colours and arrests the imagination. The filigree construction of its spatial meanings changes into a depiction using filigree means – the power of colour is not yet strong enough to neutralize the undertow of conclusive meaning. Brunsmann therefore dissolved the paintings of this cycle into traces of paint, al- lowing them to blur and melt into a series of drawings. That is the price the painter paid for the figure’s appearance having been an overly quick transition.

To understand this price, one must look at what was at stake for figurative painting of that period. It was defined by a trace of trauma throughout history, and by a new temporal structure of the image.

After the flood of propaganda images and the horrifying experience of a World War, it was natural for painting to seek its place in something anterior to figuration; Burri and Fontana worked with planes of colour and thereby shifted the accent from abstraction to experiencing the materials. Kounellis created an emblem for his generation when he exhibited steel slabs that shift the gaze out of a space and allow no image to arise. Characteristic for the period of Arte Povera is ‘rinviare’, the postponement of an image.

Stefan Winter in: DISTORTED MEMORIES OF NATURE

 

 

Götter der Pest, 2003, 200 x 250 cm, Öl auf Leinwand

 

ZUR ERKLÄRUNG

'Götter der Pest' - Was sieht man auf diesem Bild?

Eine Frachtmaschine des amerikanischen Militärs mit am Boden gefesselten afghanischen Kämpfern, wahrscheinlich handelt es sich um sog. Mudschaheddins. Diese haben Säcke über den Köpfen. Die Darstellung beruht auf dem ersten "geleakten" Pressefoto von gefangenen Kämpfern, die auf dem Weg in das berüchtigte Lager "Guantanamo" sind. Der Transport ging von Afghanistan über die Militärbasis in Deuschland weiter nach Cuba, wo sich das Lager befindet. Die Gefangenen werden an der linken und rechten Seite von zwei Figuren bewacht: eine Frau, dargestellt durch eine blaue Maske und einen Mann, dessen Gesicht in irisierenden Grüntönen beinhae nicht zu erkennen ist. Oben hängt eine Flagge mit einem goldenen Totenkopf, der eine Clownsnase trägt. Dieser Totenkopf stammt vom Cover des Albums "Cerebral Caustic" von der Band The Fall. - Eigentlich war das Bild eher eine Darstellung meiner privaten Lebensumstände als ein politisches Statement. Aber wie man weiss, ist auch das Private politisch.

 

 

 

Die Reise ins Nichts, 2003, 180 x 160 cm, Öl auf Leinwand

 

 

 

 

 

 

Deutschland Unbekannt, 2003,150 x 200 cm, Öl auf Leinwand

 

 

Claus Brunsmann - Unterwegs nach Pro-Life (2003)

Die vom Berliner Künstler Claus Brunsmann (1966) für seine Ausstellung in Mailand präsentierten Bilder haben eine entschieden expressive und chromatische Kraft. Die verschiedenen Arbeiten beschäftigen sich zunächst mit Themen der Betrachtung der Metropole, besonders mit der Geschichte und der kulturellen Wirklichkeit Berlins. Die Titels selbst beziehen sich auf die Tradition der deutschen Hauptstadt, wie zum Beispiel in "Am Aschermittwoch ist alles vorbei" das sich an ein populäres Volkslied über den Karneval anlehnt: auf der rechten Seite des Bildes erscheint ein Engel in Rückenansicht, der ein Zitat aus Wim Wenders "Der Himmel über Berlin" sein könnte. Diese Engelsfigur, zwischen Wächter und Vernichter, scheint das Chaos der Metropole und die unentrinnbare Kommunikationslosigkeit zwischen den Individuen zu betrachten. Ausdrücklichere Bezüge auf Aspekte der zeitgenössischen Kultur, vor allem auf das Kino, findet man auch in den folgenden Arbeiten Claus Brunsmanns. In dem Werk "Die Frau im Jasmin" paraphrasiert der Künstler den Titel des Buches von Unica Zürn "Der Mann im Jasmin" (1977), während in "Götter der Pest" er nicht nur den Titel des Films von Fassbinder (1969) übernimmt. In diesem Bild erscheint in einem geräumigen dunklen Interieur eine Gruppe gefesselter Personen, deren Gesichter man nicht erkennen kann, während darüber ein beunruhigendes Gesicht mit roter Clownsnase erscheint.

Claudia Marfella - Flash Art | Februar-März 2004

 

Austelllungsansicht in der Galerie Salvatore+Caroline Ala, Mailand, Januar 2004

 

Der Zyklus Unterwegs nach Pro-Life, den er 2004 in Mailand ausstellt, verbindet das Erscheinen der Figur mit der Zerbrech- lichkeit des Lebens, die als Idee in den Bildern steht. Sie zeigen Szenen, die in Teilen zwar undeutlich bleiben, im ganzen aber immer erkennbar sind – die meisten beziehen sich auf Bücher und auf Filme, oder auf reale Orte und reale Lebensläufe.

In fiebrig-überhitzten Farben deuten viele der Bilder Unfälle, Katastrophen, unheilvolle Szenerien an: Die Frau im Jasmin erzählt den Anfang einer bedrohlichen Begegnung im Park; Amok, goldene Stadt verweist auf Explosionen und Karam- bolagen in einer fragmentierten Stadtarchitektur. Oft bleiben die Figuren in den Bildern gesichtslos, oft wirken sie irritiert, immer sind sie einer indifferenten oder sogar abweisenden Umgebung ausgesetzt. In der Bildsprache, die Unterwegs nach Pro-Life aus einer Farbigkeit mit überraschenden Kontrasten aufbaut, schwingt ein Grundton der Verlassenheit, der Leere und Indifferenz. Dabei trägt die Klarheit der Idee aber ein latentes Risiko in die Malerei hinein: Auch wenn die Szenen in dem Zyklus mehrdeutig bleiben, kommen die Bilder immer wieder einer schon gegebenen Bedeutung nah, die das Spiel der Farbe magnetisiert und das Vorstellen bindet. Der filigrane Aufbau räumlicher Bedeutungen schlägt um in eine Darstellung mit filigranen Mitteln – die Kraft der Farbe ist noch nicht stark genug, um den Sog der abgeschlossenen Bedeutung aufzuheben. Brunsmann löst die Bilder dieses Zyklus daher wieder in Farbspuren auf, lässt sie verschwimmen und zerlaufen in einer Serie von Zeichnungen. Das ist der Preis, den der Maler dafür zahlt, dass das Erscheinen der Figur eine zu schnelle Bewegung war.

Um diesen Preis zu erwägen, muss man auf den Einsatz sehen, der für die Malerei der Zeit im Figurativen auf dem Spiel steht. Er wird bestimmt durch eine Traumaspur in der Geschichte und durch eine neue Zeitstruktur des Bildes.

Nach der Bilderflut der Propaganda und der erschreckenden Er- fahrung eines Weltkriegs lag es nahe, dass die Malerei ihren Ort im Diesseits des Figurativen suchte; Burri und Fontana arbeiten mit der Farbe in der Fläche und verschieben dabei den Akzent von der Abstraktion auf die Erfahrung des Materials. Kounellis schafft ein Emblem seiner Generation, als er Stahlplatten zeigt, die den Blick aus einem Raum verstellen und kein Bild eintreten lassen; charakteristisch für die Zeit der Arte Povera ist das ‘rinviare’, das Aufschieben eines Bildes.

Stefan Winter in: DISTORTED MEMORIES OF NATURE

 

Amok, goldene Stadt, 2003, 300 x 200 cm, Öl auf Leinwand

 

ZUR ERKLÄRUNG

'Amok, Goldene Stadt' - Was sieht man auf diesem Bild?

Man sieht das Café Moskau am Berliner Alexanderplatz. Scheibar findet ein Anschlag statt, alles liegt im grellen Licht von Feuer und Explosion. Zwei Autos stehen vor dem Gebäude. Der rechte Mercedes ist der Wagen von Alfred Herrhausen, der durch die RAF in die Luft gesprengt wurde. Der linke Wagen ist der bei islamistischen Kämpfern beliebte Toyota-Pickup. Nur bevorzugen diese normalerweise schwarze Autos. Das Gesicht, das in den Flammen auf der rechten Seite in Fragmenten erscheint, ist das eines australischen Feuerwehrmannes während der in dem Jahr stattfiindenen Waldbrände. Der Bildtitel bezieht sich auf den von Veit Harlan inszenierten UfA-Film "Die goldene Stadt" von 1942, ein sogennanter Nazi-Durchhaltefilm.

 

 

 

Am Aschermittwoch, 2003, 300 x 200 cm, Öl auf Leinwand

 

ZUR ERKLÄRUNG

'Am Aschermittwoch' - Was sieht man auf diesem Bild?

Ein Parkplatz oder ein Hinterhof in einer Industriesiedlung. Zwei Schulkinder warten auf den Bus. Von hinten nähert sich ein Mann mit einem weißen Smokingjackett und Engelsflügeln. Diese Figur nahm ich von einem Foto auf der Rückseite der The Fall Albums "Cerebral Caustic". Sie vereint die positiv besetzten Engelfiguren aus dem Film "Der Himmel über Berlin" mit der Figur eines negativ besetzten "Todeseengels". Es könnte sich aber auch um einen Schutzengel handeln. Dem würde allerdings der Titel des Bildes widersprechen: er nimmt Bezug auf den Kanevalsschlager "Am Aschermittwoch ist alles vorbei".

 

 

 

Unter anderen Umständen, 2003, 200 x 180 cm, Öl auf Leinwand

 

 

 

Das Wesen der Neuzeit ist die Eroberung der Welt als Bild

Zur Ausstellung "Unterwegs nach Pro-Life"

Nach seinen Untersuchungen zur Geschichtlichkeit der Malerei, die im Sommer 2000 mit der Bildserie "Transporter/Recorder" in der Galerie Salvatore + Caroline Ala in Mailand präsentiert wurden, zieht der Berliner Maler Claus Brunsmann (*1966) nun die Konsequenz aus den Ergebnissen seiner Analyse der historischen und gesellschaftlichen Bedingungen von Malerei und präsentiert unter dem Titel "Unterwegs nach Pro–Life" eine Serie von figurativen Gemälden aus dem Jahr 2003.
Mittelpunkt der Ausstellung ist eine Reihe von großformatigen Werken, deren Bildtitel bereits die inhaltliche Ausrichtung dieser malerischen Neuorientierung bestimmen: "Götter der Pest" zeigt eine Gruppe von marionettenartig aneinander geketteten, vermummten Gestalten, die in einem düsteren, nur von einem giftgrünen Lichtschein erhellten Kerker reglos ihr Schicksal zu erwarten scheinen. Unter dem Banner einer goldglühenden Fratze, die wie ein illuminierter Totenkopf wirkt, treten sie eine Reise ins Ungewisse an. Das Motiv der Gefesselten tritt auch in anderen Gemälden zu Tage: In "Die Reise ins Nichts" oder "Faust-Fachwerk" erscheinen die Vermummten in wechselnden Konstellationen, als vermeintlich rudernde Galeerensträflinge in freier Natur oder in sinnlosen, ohnmächtigen Auseinandersetzungen befangen, welche vor idyllischer, altdeutscher Kulisse ihren Überlebenskampf führen, letztlich aber reglos in ihrer Zerbrechlichkeit der Gewalt ausgeliefert sind. Auch in "Amok, goldene Stadt", einem Zerrbild der großstädtischen Realität, mit angedeuteten Autounfällen und vernebelten Explosionsblitzen, angesiedelt in einem fragmentarischen Architekturambiente, welches den Berliner Alexanderplatz als Ruinenwert zitiert, beschreibt der Künstler eine aus den Angeln gehobene, in ihrem eigenen Chaos versinkende Gesellschaft. Die Indifferenz der großstädtischen Beziehungslosigkeit, erscheint in dem nach einem deutschen Karnevalsschlager betitelten Werk "Am Aschermittwoch ist alles vorbei" in der zweideutigen Figur des Schutzengels, der die Kinder beim überqueren einer befahrenen Straße in den abendlichen Stunden eines trostlosen Randbezirks, zwischen Parkplatz und Sportplatz, nicht mehr zu schützen weiß und im selben Moment auch ein Todesengel sein könnte, ein betrunkener Widergänger unter vielen verlassenen verkleideten Gestalten am Ende eines ausklingenden Volksfestes.
Einige der in der Galerie Ala zum ersten Mal präsentierten Arbeiten, verweisen bereits in ihrem Titel auf Bücher, Filme oder Lebensläufe, die für Claus Brunsmann von Bedeutung sind und welche die von ihm neu entwickelte Bildsprache unterstreichen. "Götter der Pest" ein Fassbinder-Film von 1969, der das Schicksal von Haftentlassenen bei der Suche nach einem Lebensinhalt in einer ihnen gegenüber feindlich eingestellten Gesellschaft beschreibt; "Man ist nicht nur ein einzelner Mensch" nach Fontanes Roman Effi Briest, verweist in einer Gruppenszene von drei sich gegenüberstehenden Männern auf eine Konfrontation in Form eines entleerten Rituals. "Die Frau im Jasmin" zeigt eine Begegnung im Park zwischen einer Frau in einer strahlend weißen Weste und einem klassisch rot-weiß karierten Rock, die einen aus dem Dickicht eines blütenbestandenen Strauches in Erscheinung tretenden Mann zu mustern scheint. Verwirrend hockt ein kleiner Cupido als Wahn-Einflüsterer an ihrem Rockschoß und verweist auf das im Titel angedeutete Drama. "Unterwegs nach Pro-Life" erweist sich in Brunsmanns neuen Arbeiten als dornenreiche Reise, beginnend in glühenden Kinderbildern von entzündeter Farbigkeit, als isolierte Figur im Bildmittelpunkt, gefangen im vom Wasser reflektierten Spiegelbild; in Bildern scheinbarer Fachwerkhaus-Idyllen ("Nach der Flut"), wo Menschen zu kleinen glimmenden Glühwürmchen schrumpfen, in erstarrten architektonischen Räumen eines "Modernen Museums", einem Ort, an welchem sich das Wesen der Neuzeit als die Eroberung der Welt als Bild erweist.

 

 

Faust-Fachwerk, 2003, 170 x 150 cm, Öl auf Leinwand

 

 

 

 

 

 

Brandstifter, 2003, 200 x 150 cm, Öl auf Leinwand

 

 

 

 

 

Modernes Museum, 2003, 200 x 150 cm, Öl auf Leinwand

 

 

 

 

 

Nach der Flut, 2003, 200 x 150 cm, Öl auf Leinwand

 

 

 

 

 

Sommer, 2003, 150 x 110 cm, Öl auf Leinwand

 

 

 

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